Über den krummen Gipfel
6.10.2016
Route: (Albulapass) – Albulasee – Blais Cuorta – Terrassas – Fuorcla Zavretta – P. 3089 – Piz Üertsch Hauptgipfel (3267) – Ostgipfel (3232) – P. 3108 – ca. 3000 (zwischen P. 3108 und P. 2965) – P. 2798 – Foura da l’Üertsch – P.2541 – Blais Sterla – Albulasee
Nach dem ersten Tourentag über den Crasta Mora haben Christian Zinsli (Bergführer) und ich für den zweiten Tag den Piz Üertsch ausgewählt. Nördlich der Albula-Passhöhe dominiert der Piz Üertsch eindrücklich das Landschaftsbild (Üertsch bedeutet etwa soviel wie „krumm“ oder „gebogen“). Wir wollen diesen wuchtigen und eher wenig besuchten Dolomitberg von West nach Ost überschreiten.
Christian holt mich noch vor Sonnenaufgang in Bergün ab und wir fahren zum Albulapass hoch und parkieren das Auto beim Albulasee. Das Thermometer meldet uns eine Temperatur von – 4 Grad und die Natur sieht auch entsprechend aus. Gut eingepackt steigen wir aus dem warmen Auto. Ich bestaune, bevor es los geht, nochmals den Crasta Mora vom Vortag.
Nach einem zufriedenen Seufzer meinerseits machen wir uns auf den Weg. Zuerst wandern wir weglos über die Blais Cuorta hoch zu Terrassas. Die Sonne ist inzwischen aufgegangen – sie färbt zuerst die Gipfel langsam ein und taucht, nach und nach, die Bergwelt in magische Herbstlicht. An diesem kalten Morgen ein wahnsinnig schönes Erlebnis. Ab Terrassas folgen wir dem Bergwanderweg, der zur Fuorcla Zavretta führt. Kurz vor dem Übergang verlassen wir den Weg und steigen über einen steilen Geröllhang hoch zur Schuttsenke bei P. 3089. Beim Blick über die Gratkante pfeift uns die Bise nicht gerade freundlich um die Ohren. Ein paar Schritte zurück in den Windschatten und wir ziehen die wärmenden Kleider wieder an, die wir während des Aufstieges teilweise schon abgelegt haben. Nun machen wir uns für den nächsten Teil des Aufstieges bereit: dafür benötigen wir Klettergurt, Helm, Steigeisen und Pickel. Von der Senke geht es über Schutt dem Grat entlang bis an die Felsen, dann etwas in die Nordseite ausweichend um den ersten Absatz herum. Von da steil über Schnee an den Einstieg der ersten Kletterstelle, über die wir dann wieder auf den Grat gelangen. Die Kletterei mit Steigeisen ist gewöhnungsbedürftig, aber es klappt mit jedem Schritt besser. Nach dieser Stelle steigen und klettern Christian und ich, soweit möglich, auf dem Grat der Kante folgend weiter. Nur wenige Male müssen wir etwas in die schneebedeckte Nordseite ausweichen. Die herrlichen Tief- und Weitblicke, die sich mit jedem weiteren Höhenmeter auf dem zum Teil ausgesetzten Grat verändern, sind unglaublich beeindruckend und atemberaubend. Der Westgrat flacht in Gipfelnähe etwas ab und wird auch wieder breiter. Die Steigeisen brauchen wir nun nicht mehr, verstauen sie im Rucksack und gehen weiter. Kurz darauf stehen wir beim Steinmann auf dem Hauptgipfel. Ein berauschender Moment… Mit einem breiten Grinsen im Gesicht suchen Christian und ich uns einen Pausenplatz und geniessen den Ort, die Stille und das gewaltige Panorama.
Nach der Pause steigen wir vom Hauptgipfel zuerst ein paar Meter in die Scharte ab und klettern wieder auf den Grat hoch. Dem folgen wir auf der Kante oder benützen die südseitigen Bänder und gelangen so zum etwas tiefer gelegenen Ostgipfel. Hier legen wir nochmals eine kurze Pause ein, bevor der eigentliche Abstieg beginnt. Der gestaltet sich dann als spannend und fordert Passagenweise auch ganz ordentlich. Mal geht es über Geröll und Schutt, dann sind kurze Querungen und Kletterstellen angesagt oder wir folgen der Gratkante, bis in die Nähe von P. 3108. Den Punkt umgehen wir und steigen über einen Hang, meist auf schneebedeckten Wegspuren auf ca. 3000 Meter ab, etwas westlich von P. 2965. Hier machen Christian und ich nochmal eine Pause und verstauen Klettergurt und Helm wieder im Rucksack.
Nun geht es über Geröllhalden, in ziemlich direkter Linie, via P. 2798 runter zum unteren Ende der Foura da l’Üertsch und weiter zur Wiese, etwas oberhalb von P. 2541. Hier setzen wir uns nochmals hin, bevor wir den letzten Teil des Abstieges angehen. Der führt nun über Wiesen und den Hang von Blais Sterla runter zum Albulasee. Ein Greifvogel schreckt die letzten noch wachen Murmeltiere auf und diese quittieren sein Erscheinen mit Pfiffen. Danach kehrt wieder Ruhe ein.
An unserem Ausgangspunkt angekommen, schaue ich nochmals hoch zum Piz Üertsch, lasse den Blick über das begangene Gebiet schweifen und freue mich sehr über diese wunderschöne und gelungene Tour.
Nach einem Bier an der Sonne fährt mich Christian zum Bahnhof von Bergün. Wir verabschieden uns und ich setze mich voll schöner Eindrücke und glücklich in den Zug.
Die Touren und die Zeit mit Christian geniesse ich jeweils sehr. Ich lerne jedesmal dazu und erfahre immer wieder Neues über die Berg- und Tierwelt. Bergsteigen mit Christian fordert mich auf eine tolle Art und Weise. Er vermittelt mir bei den kniffligeren Stellen mit wenigen Worten Sicherheit und das nötige Vertrauen. Seinen Kommentar „guaat gmaacht Urs“ höre ich immer wieder gerne… ;-)
Weitere Infos:
- SAC Clubführer Bündner Alpen 6: Vom Septimer zum Flüela